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Einblick

Kurt Frankenhauser (85 Jahre)

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© drescher.photos

Am Ende des Zweiten Weltkrieges im Mai 1945 war ich gerade acht Jahre alt und jüngster Spross einer zehnköpfigen Familie – Mutter, Vater, drei Mädels und fünf Buben. Gewohnt haben wir in einer Haushälfte in der Scheuergasse 12 in Saulgau. Die Wohnräume im Haus waren entsprechend klein, geschlafen wurde zu dritt in einem Zimmer.

Unser Vater Karl, 1896 auf einem Bauernhof in Fulgenstadt geboren, hat noch im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient. Zunächst hat er das Schneiderhandwerk erlernt und sich später als Taxi- und Busunternehmer selbstständig gemacht. Im Zweiten Weltkrieg wurde er – Gott sei Dank! – aufgrund einer Verletzung nicht eingezogen.

Unsere Mutter Emma, 1903 in Hornberg im Schwarzwald geboren, war eine clevere und perfekte Hausfrau und eine ganz liebenswerte Mutter, die sich aber auch gut durchsetzen konnte.

Nur unser ältester Bruder Sepp durfte die Oberschule besuchen, alle anderen Geschwister sind in die Volksschule gegangen. Zusammen mit unseren Spielkameraden aus der Nachbarschaft gründeten meine Brüder und ich die berühmt-berüchtigte Frankenhauser-Bande. Die Scheuergasse war unser Revier.

Unsere Eltern haben dafür gesorgt, dass wir nicht groß hungern mussten. Kartoffeln und Habermus waren des Öfteren im Angebot. Unser Vater ermutigte uns mit dem Spruch:

„Habermus, gibt einen starken Fuß“. 

Das war für uns schmächtige Kerlchen Anreiz, einen Nachschlag zu holen – falls dieser noch vorhanden war.

Da es mit der Reichsmark nicht viel Essbares zu kaufen gab, hatte unser Vater einen genialen Einfall. Er organisierte mit seinem Omnibus kleinere Fahrten. Bezahlt wurde in Naturalien: Eiern, Speck, Butter, Mehl… wenn auch nicht immer in bester Qualität.

Von der Idee mit den Ausflügen waren insbesondere die Landfrauen angetan. Sehr beliebt waren die Fahrten zur Lichterprozession in Weingarten an Christi Himmelfahrt, am Vorabend zum Blutfreitag.

Bezüglich der Kleidung machte ich mir als Jüngster keine großen Sorgen. Ich profitierte von meinen älteren Brüdern. Leib- und Seel-Hosen mit „Strapsern“ hatte ich genügend. Rar waren die warmen Sachen. Als Schuhe trugen wir im Sommer manchmal Holzschuhe. Ich kann mich erinnern, dass ich im Winter Stiefel meiner Mutter anhatte.

In besonders schöner Erinnerung habe ich den Heiligen Abend. Als das Glöckchen ertönte und wir alle – inzwischen waren wir neun Kinder; Walter, unser Vetter, war als Vollweise zu uns gekommen – voller Erwartung in die kleine Stube traten, ließ der erleuchtete Christbaum und die liebevoll verpackten Gaben unsere Herzen höherschlagen. Jeder von uns hat ein Geschenk bekommen!
Beliebt waren aus Sperrholz ausgesägte Figuren, die wunderschön bemalt waren.

Ein großes Glück war, dass unsere Stadt vom Zweiten Weltkrieg relativ verschont blieb, obwohl im damals größten Industrieunternehmen vor Ort Teile für die V2 hergestellt wurden. Als die Städte Augsburg und München bombardiert wurden, flogen die Bombergeschwader über unser Städtchen hinweg. Wir beobachteten dies fasziniert im Freien, was wahrscheinlich ziemlich leichtfertig war…

Am Tag vor dem Einmarsch der Franzosen hat die SS das bis dahin streng bewachte Depot beim Bilgram geräumt. Nach Bekanntwerden haben sich Viele aus der näheren Umgebung auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, etwas Essbares zu ergattern – auch ich. Hunderte Menschen drängten sich die schmale Treppe nach oben und nach unten. Jeder packte die in Kartons verpackten Waren, wir schnappten einfach alles, was wir bekommen konnten. Mit Mühe gelang es mir, zwei Schachteln zu erwischen – ich war sehr erleichtert! Meine Mutter hieß mir, sie auf den Tisch zu legen. Voller Erwartung haben wir die Kartons geöffnet… doch die Enttäuschung war riesengroß: In den Packungen befanden sich 200 Zahnbürsten und 100 Rasierpinsel!

Mein ältester Bruder Sepp war an diesem Tag erfolgreicher. Im Tiefen Weg war ein Naturkeller. Nachdem die Bewachung abgezogen war, wurde der Keller geöffnet. Sepp erwischte ein ganzes Rad Schweizer Käse, das er buchstäblich in letzter Minute vor dem Eintreffen der Franzosen in die Scheuergasse rollte. Der Käse hat uns einige Zeit sehr nahrhafte Dienste geleistet!

Sepp war es auch, der uns manchmal zu einem besonderen Leckerbissen verholfen hat. Als Hütejunge beim Bauern Stützle in Bondorf durfte er am Abend die Milch und Sahne zur Sammelstelle bringen. Beim Birkenweg an der Brücke hielt er das Pferdefuhrwerk an. Dann tauchten Hans und ich mit unserer Milchkanne auf. Aus der großen Kanne wurde blitzeschnell Rahm abgeschöpft. Deckel drauf und weiter ging’s. Der gute Bauer – Gott hab in selig – wird es uns verzeihen.

Am Tag des Umsturzes saß unsere ganze Familie im Keller – bis die französischen Soldaten in unser Haus kamen. Die Angst war riesig, aber unbegründet.
Dennoch gab es im Städtchen einige Tote zu beklagen. Ein Bus mit deutschen Soldaten, die noch fliehen wollten, bekam einen Volltreffer eines Panzergeschosses und explodierte. Das geschah am Bahnhof, ganz in unserer Nähe. Neugierig wie wir Buben waren, sind wir schon kurze Zeit später wieder unterwegs gewesen und konnten die verbrannten Leichen mit eigenen Augen sehen. Dabei fanden wir mehrere Silbermünzen, die wir später für Zigaretten eingetauscht haben.

Gut für uns war, dass in Saulgau während der Besatzungszeit die Verpflegung der Franzosen im „Gasthaus zur Sonne“, ganz in unserer Nähe, erfolgte. Flink wie wir mageren Bürschchen waren, erhaschten wir das eine oder andere, oft ein paar Stangen Franzosenbrot…  was sicherlich nicht unbemerkt blieb. Wir gingen mit stolz geschwellter Brust nach Hause.

Abschließend möchte ich anmerken, dass die Besatzungszeit für uns und unsere Region verhältnismäßig ‘problemlos‘ verlaufen ist.

Kinderspiel

von Rolf Scheck

Paradies-Bande, Stroppel-Bande und die Frankenhauser-Bande

Während des Krieges herrschte natürlich auch ein großer Mangel an Spielzeug:
Kreativität war gefragt! Neben den harmloseren Beschäftigungen, wie Seilhüpfen (für die Mädchen), Hexentreiben und Reifeln war ‘Krieg spielen‘ besonders bei den Buben beliebt. Alle diese Spiele waren damals auf den verkehrsarmen Straßen noch problemlos möglich. Gelegentliche Pferde- oder Kuhgespanne waren keine wesentliche Behinderung. Autos waren eine Seltenheit, und keiner der Saulgauer Bauern hatte einen Schlepper.

Zum ‘Kriegerles-Spielen‘ brauchte man logischerweise ’Angreifer‘ und ’Verteidiger‘. Deshalb wurden in den verschiedenen Wohnbezirken der Stadt – in Anlehnung an unsere damaligen ‘Vorbilder‘ – ‚Truppeneinheiten‘ gebildet: rund um das „Wirtshaus Paradies“ und im Bereich der Sießenerstraße die Paradies-Bande, in der mittleren Paradiesstraße, wo ich wohnte, die Stroppel-Bande und in der Scheuergasse die Frankenhauser-Bande.

Die Buben der jeweiligen Bezirke bekämpften sich gegenseitig. Die Mädchen wurden als ’Rotkreuz-Schwestern‘ oder als ’Flakhelferinnen‘ in das ‚Kriegsgeschehen‘ mit einbezogen. Als Waffen dienten selbstgemachte Holzsäbel, Holzgewehre, Steinschleudern – und ganz selten auch mal ein Luftgewehr, natürlich ohne Munition.
Auf ‘Uniformen‘ musste aus Mangel an Möglichkeiten leider verzichtet werden – wer noch einen alten Stahlhelm hatte, wurde beneidet!

Zur ’Verteidigung‘ haben wir, die Stroppel-Bande, sogar einen Bunker gebaut. Der befand sich hinter der Schreinerei Engler in der Paradiesstraße, an der Bahnlinie, direkt gegenüber vom Bahnhof. Dort war ein großes Holz- und Schrottlager.
Als ’Kampfmittel‘ wurden handgeschriebene Flugblätter (mit frei erfundenem, beleidigendem Inhalt über die jeweiligen ‘Feinde‘) verbreitet, und natürlich wurden auch ’Gefangene‘ gemacht. Nach einer Gefangenschaft von wenigen Stunden wurden sie, manchmal auch im ‘Austausch‘, wieder freigelassen.

Wir haben sogar über einen ’Panzer-Spähwagen‘ verfügt: Auf einem ausrangierten Kinderwagen-Fahrgestell wurde eine Sitzmöglichkeit für den ’Spähwagenfahrer‘ installiert, über das Ganze wurde eine Verkleidung aus Sperrholz und Kartonagen gebaut. Damit dieses Gefährt auch einem ’Kriegsfahrzeug‘ ähnelte, wurde es mit Tarnfarben – soweit Farbe überhaupt vorhanden war – angestrichen.
Der Nachteil war: Eine Lenkmöglichkeit hatte der Fahrer nicht, er konnte nur geradeaus fahren. Angeschoben wurde das Ganze jeweils von einem ’Kriegskameraden‘ unserer ’Elitetruppe‘ …

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Rolf Scheck © drescher.photos


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