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Sophie Gebhart

Eine Spurensuche von Elisabeth Wesselmann

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Vor Jahren traf ich zufällig bei einer Fasnetsfeier im Seniorenheim Marga Schwarz, eine Freundin aus der Grundschulzeit. Wir redeten über die Saulgauer Fasnet und die Straßenfasnet von früher. Dabei fiel mir die „Schwaaz Hebamm“ ein.

„Ich habe sie oft mit ihrem Leiterwägele und einer Geiß beim Umzug mitlaufen sehen. Das fand ich immer sehr komisch. Gleichzeitig verstand ich nicht so recht, warum sie das machte. Woher nahm sie den Mut, sich in diesem seltsamen Aufzug bei der Fasnet zu zeigen, wo sie doch nur lächerlich daherkommen würde, meiner Ansicht nach. Für mich war sie damals sowieso eine kuriose Erscheinung, die halt irgendwie zum Stadtbild gehörte, mehr nicht.“ 

Marga erwiderte sehr ernst:

„Viele haben über sie gelacht, sie schlimm behandelt. Das war ein großes Unrecht.“

Auch ein Schulfreund hatte vor Jahren gesagt:

„Das ist eine ganz besondere Frau, sie ist nicht dumm, sie weiß viel. Wenn ich kann, besuche ich sie und helfe ihr ab und zu, wenn sie Hilfe braucht.“

Ich fand das seltsam damals. Aber Josef war für mich schon immer ein kauziger Typ gewesen. Auch Marga sagte bei unserem Gespräch:

„Mein Vater wurde richtig böse, wenn wir sie „schwaaz Hebamm“ nannten. Wir sollten sie respektieren, sie habe viel erleiden müssen.“

Ich wollte noch mehr erfahren und besuchte Marga Wochen später.
Sie spricht über ihren Vater, der 1947 aus russischer Gefangenschaft nach Hause gekommen war. Es war ihm gelungen, auszubrechen, und diese Flucht zu überleben.

„Die meisten sind erfroren, mein Vater ist durchgekommen, auch weil er unterwegs immer wieder Menschen getroffen hat, die ihm weitergeholfen haben. Er hat Mitgefühl erfahren. Das hat ihn geprägt. Er hat sich um die Sophie gekümmert, hat sie zum Beispiel mit Wäsche und ab und zu mit anderen notwendigen Dingen versorgt.
Ich erinnere mich gut an die Sophie. Wenn wir Kinder nach der Schule zum „Krautland“ gelaufen sind, wo sie ihre Tiere hatte, hat sie uns manchmal gelbe Rüben geschenkt, gerade aus der Erde gezogen. Die Rübchen hat sie zuerst säuberlich an ihrer Schürze abgerubbelt. Sie wusste viel über alle möglichen Pflanzen und wie man sie als Sud, Tee, Umschlag oder Wickel bei den verschiedensten Gebrechen anwenden kann. Sicher hatte sie medizinische Kenntnisse oder einfach auch ganz viel Erfahrung mit diesen Dingen. - Sie war arm, das sahen wir wohl, sie lebte ja so ganz anders. Aber für uns Kinder war sie eben wie sie war. - Wovon sie gelebt hat? Ich glaube nicht, dass sie je so etwas wie eine Rente bekommen hat. - Ich mochte die „Hebamm“. Für mich war sie keine Außenseiterin. Wir waren auch oft bei ihr in ihrem Häuschen in der Bogengasse, in der Küche mit dem offenen Feuer. Da hat es uns gefallen. Von der Küche aus gab es noch eine Tür, vielleicht in ihr Schlafzimmer. Wenn sie genug hatte von uns, hat sie uns freundlich weggeschickt. Wir wohnten ja ganz in der Nähe.“

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© Stadtarchiv Bad Saulgau

Inzwischen weiß ich mehr über Sophie Gebhart.

Soweit ich die Eintragungen im Standesamtsregister entziffern durfte und konnte, ist sie 1877 als wahrscheinlich ältestes überlebendes Kind nebst zwölf Geschwistern in Saulgau geboren worden. Eine Bauerntochter. Sechs weitere Kindernamen sind in dem Register durchgestrichen oder mit einem Kreuzchen versehen. Schauerliche Normalität damals. Tote Kinder wurden einfach durchgestrichen. - Vielleicht wollte die junge Sophie dieser toten Geschwister wegen Hebamme werden, vielleicht sah sie den Kummer der Mutter, und vielleicht hat sie darum später Säuglinge vorübergehend bei sich aufgenommen und versorgt, wie man erzählt, um den Frauen, die oft mehr als zehn Kinder gebären mussten, eine kurze Schonzeit zu ermöglichen?

Schon seit dem Mittelalter war für Hebammen eine einheitliche Ausbildung vorgeschrieben, habe ich gelesen. Auch die Kirche nahm Einfluss auf die Ausbildung und wollte dadurch wahrscheinlich einen Überblick über neu zu gewinnende Seelen bekommen. Wo und wie Sophie Gebhart zur Hebamme ausgebildet wurde, weiß ich nicht.

In der Zeit des Nationalsozialismus` bekam der Beruf der Hebamme eine besondere Förderung und Gewichtung. Die werdenden Mütter sollten zuhause rundum betreut und ausspioniert werden, um „lebensunwertes Leben“ aufzuspüren und um Zwangssterilisationen und Abtreibungen rechtzeitig vornehmen zu können. Oberstes Ziel der sogenannten Rassengesetze war die „Reinhaltung des deutschen Blutes und der deutschen Ehre.“ Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern und Hebammen waren verpflichtet, Auffälligkeiten oder mögliche Behinderungen an die Gesundheitsämter zu melden. Ludwig Zimmermann berichtet darüber und über Sophie Gebharts Schicksal in seinem Buch „das katholische Oberschwaben im Nationalsozialismus“   S 160/161

Da sich Sophie Gebhart offenbar nicht an diese Vorgaben hielt, weil sie wusste, was mit den Kindern geschehen würde, die nicht zur „Reinhaltung des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ taugten, und daher keine Meldung an die Gesundheitsämter machte, geriet „die allseits anerkannte Saulgauer Hebamme“ „zwischen die Mühlsteine“. (Ludwig Zimmermann) Sie erhielt Berufsverbot und blieb mittellos.

 

Wer war Sophie Gebhart?

Für mich als Kind war sie eine seltsame aber eindrückliche Erscheinung. Wenn ich die Fotos ansehe, die wenigen, die existieren, die Heinz Kirchherr im Spätwinter 1959/60 von ihr aufgenommen hat, sehe ich eine nahezu mythische Gestalt, die ernst, mit gebeugtem Kopf auf zwei Stöcke gestützt im Schneetreiben steht, dann wieder knitz mit zahnlosem Mund lächelt oder aber misstrauisch das Gegenüber durch die schwarz umrandete Brille fixiert.

 

War Sophie Gebhart eine Irre?

1930 gab es einen Bericht „an das Oberamt Saulgau“wegen des „Entzug der Approbation“ bezüglich der Gebhart Sophie, wo sie „vorgeladen“ und „eingehend auf ihren Geisteszustand“ untersucht wurde, mit dem Ergebnis, dass sie „bei ihrem derzeitigen Zustand“ als „höchst beschränkt zurechnungsfähig betrachtet werden kann.“ „Eine besondere ärztliche Überwachung ist praktisch nicht durchzusetzen, noch weniger bei der an sich schon wehrhaft eingestellten Person,“ heißt es in dem Schreiben.
In dem Bericht wird erwähnt, dass sich Sophie G „ständig verfolgt, beobachtet und allen Ernstes am Leben bedroht“ sieht. Dem Bericht nach spricht sie von der Androhung des Überfallenwerdens, des Totschlagens mit einer „Haubenaxt“, und vom Verbrennen auf dem Scheiterhaufen.
Am Schluss fragt der Berichterstatter, „er gebe zu Erwägen, ob der Gebhart nicht doch mit …? ihrer krankhaft-wehrhaften Auffassung die Rente über das Wohlfahrtsamt zugeleitet werden kann.“
Eine Rente bekam sie allerdings nicht. Zumindest bis Kriegsende nicht. Sie war stigmatisiert und wurde die „schwaaz Hebamm“, mit deren Erscheinen man sogar den Kindern drohte, wenn sie nicht artig waren.

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Wer war Sophie Gebhart?

War sie „ein Engel auf Erden“, eine Frau, die vielen Mitbürgerinnen half, da sie viel von Naturheilkunde verstand, „für jedes Wehwehchen ein heilendes Mittel“ hatte „und mit den Heilkräutern aus der Natur“ vielen Mitbürgerinnen“ geholfen hat? (B. Menzler)
Hatte sie prophetische, gar magische Kräfte?
Helga Scheck berichtet: viele verzweifelte Frauen gingen zur „Hebamm“ in der Hoffnung, etwas über ihre im Krieg vermissten Männer zu erfahren.

-    Ich seh` Wasser - ein Schiff – es ist nicht mehr da –
Kurz danach kam die Todesnachricht. Das Schiff war untergegangen. -
Hat sogar der amtierende französische Kommandant in Saulgau die „schwarz Hebamm“ befragt, ob De Gaulle in Frankreich an die Macht kommen werde, was diese bejaht haben soll? (B. Menzler)

Helga Scheck berichtet auch, „die Hitlerjugend hat dr Schwaaza Hebamm gezielt aufgelauert. Sie „wurde mit den Schulterriemen der HJ Uniformen gefesselt und auf dem Platz herumgejagt.“
Es gibt unbestätigte Berichte, dass ihr Gesicht mit Ruß oder Pech schwarz angeschmiert wurde. (Erinnerungen Rolf Scheck)
Sicher eine Outlaw, gendergerecht ausgedrückt. Eine Außenseiterin, die geltende Rassengesetze negierte. Offensichtlich sah sie ihre wichtigste Verpflichtung als Hebamme darin, ein Menschenkind ins Leben zu heben, jedem Leben eine ihm eigene Wertigkeit zu geben und zu erhalten. Sie wurde eine Ausgestoßene, die in „unguten Verhältnissen“ lebte und „der feindseligen Einstellung ihrer Nachbarschaft“ ausgesetzt war. (Bericht von 1930 Entzug der Approbation).

Hätte sie früher gelebt, wäre sie in der Stadt Saulgau sicherlich als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Solche Gestalten passen nicht ins Bild devoter Bürger. - Oder war sie doch eine durch eine ungewollte Schwangerschaft, Fehlgeburt oder gar Totgeburt Verstörte, die ein Leben lang unter einem Trauma litt? Auch darüber geht ein Gerücht um.

Immerhin gab es Menschen, die ihr zugetan waren, und die sie geachtet haben. Am Ende ihres Lebens, wohl krank und hinfällig, soll eine Aushilfskellnerin vom damaligen Gasthaus Löwen, Sophie Gebhart in ihr Haus aufgenommen und gepflegt haben. (Helga Scheck)
Aber auch da gibt es verschiedene „Überlieferungen.“ Im Juli 1962 ist Sophie Gebhart in Saulgau verstorben.


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